Unsere Vision – Klimacamp

Unsere Vision

Dieses Visionspapier ist eine relativ theoretische und ausführliche Erklärung unserer Werte und Grundhaltungen. Es spiegelt in seiner Sprache und Struktur unseren überwiegend akademischen Hintergrund wieder. Wir bemühen uns, alle unsere Texte (auch) in zugänglicherer Sprache zu schreiben. Wir freuen uns, wenn jemand Lust hat, uns bei diesem konkreten Text dabei zu helfen. Schreib uns einfach ein Mail.

 

Klimacamp bei Wien

Visionspapier

Klimacamps als Ort der Vision

Klimacamps sind das Herzstück der Klimagerechtigkeitsbewegung. Sie sind ein Ort der Vernetzung und Bildung verschiedener politischer und gesellschaftlicher Gruppen, die sich für ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit einsetzen. Zudem sind sie ein Ort, an dem Alternativen zur aktuellen kapitalistischen und demokratisch ausgehöhlten Gesellschaft ausprobiert werden können und unserem Protest durch direkte Aktionen und Zivilem Ungehorsam Nachdruck verliehen werden kann. Das Ziel der Klimagerechtigkeitsbewegung ist ein gutes Leben für alle innerhalb planetarer Grenzen. Um dies zu erreichen, streben wir einen radikalen Systemwandel an.

Im Moment sind Klimacamps temporäre Oasen innerhalb eines kaputten Systems, das auf Konkurrenz und Ausbeutung auf vielen Ebenen beruht. Es ist schwer, in diesem Umfeld eine Alternative aufzubauen, zumal uns teilweise aktiv Steine in den Weg gelegt werden.

 

Die Vision als Guideline

Dieses Visionspapier ist kein Bericht des Status Quo! Vielmehr legt es unsere Visionen und Träume dar, sowie unsere langfristigen Ziele und repräsentiert die Werte, für die wir uns einsetzen. Dieses Papier soll auch die Grundlage unserer Zusammenarbeit mit anderen Gruppen sein. Wir respektieren die Vielfalt an Meinungen und Ideen und schätzen sie wert, auch innerhalb der Bewegung. Wir können nicht erwarten, dass wir immer alle 100% einer Meinung sind und dennoch bitten wir unsere Partner*innen, die Vision in diesem Papier zu respektieren und zu akzeptieren. Außerdem ist das Visionspapier ein Eingeständnis, dass wir jetzt noch nicht da sind, wo wir einmal sein wollen. Gleichzeitig nimmt uns das etwas Druck und wir dürfen uns erlauben, nicht perfekt zu sein. Einiges, was hier ausgeführt ist schaffen wir dieses Jahr schon, einiges gehen wir nächstes Jahr an und anderes vielleicht erst in fernerer Zukunft. Wir wollen aus Fehlern lernen und vertrauen darauf, dass wir gute Absichten für das Projekt Klimacamp und das allgemeine Miteinander haben.

 

Die Vision als politisches Selbstverständnis

Wir sehen die Klimakrise als nicht rein naturwissenschaftliches Problem, sondern als sehr akuten Teil einer multiplen Krise, die sowohl umweltrelevante, als auch politische, wirtschaftliche und soziale Komponenten hat. Wir sind systemkritisch: Wir erkennen Lösungen innerhalb dieses Systems (durch aktuell legitimierte Akteur*innen wie zB. den Staat) nur als mögliche Zwischenschritte auf dem langfristigen Weg in eine neustrukturierte, sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Welt an.

Die Klimakrise ist menschengemacht und es gilt daher, das System zu verändern, das durch strukturelle Gewalt zur aktuellen Ausbeutung von Umwelt, Tieren und Menschen führt.

Die Klimakrise kann in dem Sinne auch als Chance gesehen werden. Große Veränderungen werden kommen, ob wir sie wollen und planen oder nicht! Anstatt tatenlos dabei zuzusehen, wie unsere Zukunft mit fossilen Brennstoffen verheizt wird, wollen wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen.

Wir streben ein gutes Leben für Alle an, ganz nach dem Motto: Heute nicht auf Kosten von morgen – hier nicht auf Kosten von anderswo.

 

Ein Klima des Willkommens

Unser Ziel ist es, dass das Klimacamp ein Ort ist, an dem sich alle willkommen fühlen, die sich für ein Gutes Leben für alle einsetzen, einsetzen wollen oder über die Bewegung für Klimagerechtigkeit lernen wollen. Dies gilt unabhängig von Nationalität, Geschlecht, sexueller Identität, Körperform, Religion, Bildung, sozio-ökonomischem Hintergrund, Alter, körperlicher und geistiger Versehrtheit, Wohnort, Erfahrung und legalem Status.

Wir erkennen an, dass wir im Moment eine sehr homogene Gruppe sind, die Menschen mit ähnlichen sozioökonomischen Merkmalen anzieht. Wir bemühen uns, unsere Privilegien und die darin verstrickten gesellschaftlichen Machtverhältnisse zu reflektieren und laden alle ein, sich daran zu beteiligen.

 

Organisationsprozess, Arbeit und Umgang mit Geld

Das Klimacamp ist ein Projekt und ein Ort, der den Umgang mit Geld und das allgemeine Verständnis von Arbeit hinterfragt. Die Organisation des Klimacamps ist ein emanzipatorischer Prozess, in dem Menschen lernen können, ihre Handlungsspielräume zu vergrößern, sich Fähigkeiten anzueignen und Gelerntes in den Alltag zu transferieren. Wir möchten Entscheidungen so demokratisch wie möglich gestalten und uns dabei nicht auf Mehrheitsentscheidungen ausruhen, sondern agieren basisdemokratisch und soziokratisch. Wir haben keine strukturellen Hierarchien, sind uns aber bewusst, dass gewisse Wissens- Erfahrungs- und Zeithierarchien nie ganz aus der Welt geschafft werden können. Wir möchten uns diese Hierarchien bewusst machen, sie sichtbar machen und ansprechen, sie hinterfragen und verstehen lernen und so gut wie möglich abbauen.

Die Vor- und Nachbereitung des Camps soll mehr Energie geben als nehmen und bei allem Ernst des Themas sollen die Freude des miteinander Wirkens und der Spaß an der Arbeit im Vordergrund stehen.

Wir möchten Arbeit neu definieren und ihr den negativen Beigeschmack von langweiliger oder ausbeuterischer Lohnarbeit nehmen. Arbeit ist alles, was einen Beitrag zur Gemeinschaft leistet, egal ob durch manuelle, intellektuelle oder emotionale Arbeit. Auch die unbeliebten und/ oder vernachlässigten oder unsichtbaren Arbeiten am Camp (von Abwasch über Nachtdienst und Kinderbetreuung bis Kloputzen) wollen wir gemeinsam, freudvoll und mit viel Respekt erledigen. Das wollen wir üben und demonstrieren, um langfristig einen Wertewandel in der Gesellschaft zu vollbringen: Arbeit soll nicht mehr monetär bewertet und wertgeschätzt werden, sondern nach gesellschaftlichem Nutzen.

 

Nachhaltiger Aktivismus

In politischen Gruppen, die sich für Wandel einsetzen, sind Stress, Überlastung und Burn-Out leider eine häufige Realität. Wir sind Menschen, die von Entsetzen und Trauer über Ungerechtigkeiten und der Überzeugung von einer besseren Zukunft getrieben werden. Gemeinsam möchten wir darauf achten, dass wir nicht zu viel Arbeiten. Wir wünschen uns eine Welt, ein Camp und eine Organisation, in der das psychische Wohl der einzelnen automatisch geschützt wird. Solange wir jedoch in einem System leben, das Leistung verlangt und uns Leistungsdruck so verinnerlicht wird, dass wir selbst bei freier Entscheidung zu viel von uns verlangen und uns zu viel aufhalsen, brauchen wir Strukturen um Überlastung abzufangen.

Wir haben ein Care Team, das im Organisationsprozess, im Auf- und Abbau sowie auch am Klimacamp für Team und Teilnehmer*innen zur Verfügung steht. Das Care- Team schaut aktiv auf das psychische Wohlbefinden der Menschen am Camp und ist Ansprechperson für alle, sollte es zu Konflikten, emotionalen Situationen oder allgemeinem Unwohlbefinden kommen.

 

Vernetzung


Die Klimakrise und globale Ungerechtigkeiten sind ein globales Problem. Auf ein gutes Leben für alle können wir uns nur zubewegen, wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen bzw. auf koordinierte Art und Weise den gemeinsamen Gegenüber auf unterschiedliche Arten und an verschiedenen Ecken angreifen. Darum ist uns Vernetzung ein ganz besonderes Anliegen. Das Klima versteht sich als ein Ort der lokalen, internationalen und intersektionalen Vernetzung. Wir suchen uns aktiv Unterstützung von solidarischen Projekten und bieten eine Plattform und Infrastruktur, die von systemkritische Bewegungen und verschiedenen Gruppen genutzt werden kann – sei es für Vernetzungstreffen, Workshops, Retreats oder Strategieklausuren.

 

Bildung

Wir verstehen Bildung als lebendige und selbstbestimmte Lernprozesse, in denen Menschen Raum erfahren, um sich selbst, die Welt und ihre Position in derselben besser zu verstehen. Das bedeutet auch, dass Lernen nicht allein im Kopf, sondern auch im Herzen und im konkreten Handeln und ausprobieren stattfindet. Dieser ganzheitliche Zugang zur kritischen Reflektion der eigenen Person und der Welt soll sich in unserer Programmgestaltung und den gewählten Formaten widerspiegeln. Dabei achten wir auf Diversität an Themen, Zugängen, Zielgruppen und Referent*innen. Zum Beispiel wollen wir Kinder- und Erwachsenen-Rollen aufbrechen, indem wir Inhalt in spielerischer und/oder einfacher Sprache vermitteln und Spiele auch für „große Kinder“ anbieten. Es soll außerdem auch Räume z.B.in Form von Open Space geben, in denen die Menschen auf dem Camp ihre eigenen Themen setzen und gestalten.

Darum bieten wir sowohl theoretische als auch praktische Workshops an, die sich einerseits mit den bestehenden Strukturen beschäftigen und wie wir aus ihnen herauskommen können. Und andererseits Alternativen aufzeigen und erlebbar machen.

 

Alternativen Leben

Das Leben in der Zukunft, für die wir uns einsetzen sieht radikal anders aus, als das, das wir heute leben. Alleine die Einhaltung von planetaren Grenzen wird die Art und Weise, wie wir Dinge produzieren, handeln und konsumieren tiefgreifend verändern. Auch die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen, möchten wir anders gestalten. Das alte System ist allerdings noch so stark und umschließt uns so ganzheitlich, dass es schwierig ist als einzelne Person daraus auszubrechen. Am Camp sollen alternative Lebens-, Organisations- und Konsummodelle vorgelebt werden, welche Menschen als Inspiration dienen sollen und damit langfristig einen Wertewandel weg von Konkurrenz hin zu Kooperation bewirken.

Wir versuchen Alternativen auf mehreren Ebenen zu Leben.

 

Direct Action – Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!

Die Klimakrise, gepaart mit institutionalisierter Gewalt gegen Mensch und Natur, ist ein Problem mit großem zeitlichen Druck. Das Klimacamp und die darin erhaltenen direkten Aktionen sehen wir als Teil unserer Strategie hin zu einer postkapitalistischen, sozial-ökologischen Transformation.

Wir begegnen dieser institutionalisierten und strukturellen Gewalt mit kreativen Formen des Widerstands. Historisch betrachtet sind die meisten tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen durch soziale Bewegungen entstanden, die zum Teil die Regeln des jeweils vorherrschenden Systems überschritten haben, wenn diese den jeweiligen Missstand gefestigt haben. Auch heute reichen die klassischen politischen Partizipationsmöglichkeiten nicht aus, um den radikalen Systemwandel zu bewirken, den wir brauchen. Innerhalb des kapitalistischen Systems blockieren vorhandene politische Machtstrukturen und gesetzliche Rahmenbedingungen (bewusst und unbewusst) Veränderung, sobald diese die Missstände der Ungerechtigkeit und Klimakatastrophe tiefgreifend hinterfragt, und an den Wurzeln angreift. Daher können wir uns nicht auf Politik und Wirtschaft verlassen, sondern müssen die Verantwortung für unseren Planeten selbst in die Hand nehmen. Direkte Aktionen und Ziviler Ungehorsam sind Teil unserer politischen Partizipationsmöglichkeiten, die über das Wählen von Parteien und Marken hinausgehen. Während bestehende Machtstrukturen Veränderungen blockieren, Medien uns mit einiseitiger und verzerrter Berichterstattung den Blick vernebeln, zeigen wir öffentlich und kollektiv, wo Veränderung passieren muss.

Wenn legalisierte Maßnahmen dazu nicht reichen, überschreiten wir bewusst Gesetze und setzen dabei unsere Körper ein. Wir lehnen Gewalt gegenüber anderen Lebewesen ab, von uns gehen keine physische Aggression aus und wir gefährden keine Menschen und andere Lebewesen mit unseren Aktionen.

Die konkrete Ausgestaltung richtet sich nach einem vorher veröffentlichten Aktionsrahmen. Wir achten darauf, dass unsere Aktionen strategisch wirksam, bewegungsstärkend und anschlussfähig sind, keine diskriminierenden Verhältnisse reproduzieren und kein Selbstzweck sind, sondern die Ziele Klimagerechtigkeit und den dafür notwendigen Systemwandel verfolgen.

 

Wirkung

Trotz – oder gerade wegen – der allumfassenden Radikalität des Klimacamps ist es ein respektierter Teil der Zivilgesellschaft, was sich im Bewusstsein und in der Berichterstattung darüber widerspiegelt. Menschen aller Bevölkerungsgruppen wissen vom Camp, kommen aufs Camp, um zu lernen, sich zu vernetzen, Aktionen durch zu führen und Alternativen zu leben. Kurz: Das Klimacamp ist ein Andockpunkt für alle, die Teil der Klimagerechtigkeitsbewegung sind und werden wollen.

Längere Version
Wer sich noch genauer in unsere Vision vertiefen möchte, kann sich KC19_Visionspapier die lange Version herunterladen.